Internetbasiertes Lernen oder das Netz macht schlau

272x117 FTD Internetbasiertes Lernen oder das Netz macht schlauAm 1. September 2009 erschien von Arndt Kwiatkowski, Geschäftsführer und Gründer der bettermarks GmbH, in der Financial Times Deutschland (FTD) auf der Seite 24 ein Namensartikel mit der Überschrift “Das Netz macht schlau”. Arndt schreibt darin über internetbasiertes Lernen, Online-Lernsysteme und über Chancen, die sich mit der Nutzung dieser Systeme in Zukunft ergeben können und werden. Wir stellen diesen Artikel hier nun noch einmal unseren interessierten Lesern zur Verfügung. Das Netz macht schlau Internetbasiertes Lernen hebt die Bildungsniveaus weltweit an. Deutschland könnte damit gleich mehrere Probleme auf einmal lösen. Heute haben gut eine Milliarde Menschen Internetzugang. Bereits 2020 werden es vier Milliarden sein. Im Internet werden dann Lernsysteme verfügbar sein, die online didaktisch ausgereift zu Schul- und Universitätsabschlüssen führen. Und diese Bildungsabschlüsse werden nach globalen Standards zertifiziert sein. Online-Lernsysteme funktionieren als Brücke zwischen Informationsbereitstellung und Wissensvermittlung. Sie sind als solche wesentliche Beschleuniger der Bildungsglobalisierung und werden schon im nächsten Jahrzehnt einen gewaltigen Innovationsschub auslösen. Genau diese Online-Lernsysteme eröffnen uns die Chance, die drängendsten Bildungsprobleme zu lösen und im globalen Wettbewerb um Zukunftschancen Boden gut zu machen. Die Schwellenländer haben in den vergangenen Jahren erhebliche Anstrengungen unternommen, um das Bildungsniveau ihrer Bevölkerung zu steigern. Diese Länder haben einen enormen Bildungshunger und sie sehen sich – auch durch Onlinevernetzung – mehr und mehr in der Lage, ihren Nachwuchs schnell und auf hohem Niveau auszubilden. Der Erfolg ist sichtbar: Weltweit ist die Zahl der Studenten zwischen 1999 und 2005 von 93 auf 138 Millionen gestiegen. Im Jahr 2008 wurden weltweit 163.600 Patente angemeldet, mehr als 26 Prozent davon in asiatischen Ländern. Das stimmt positiv, denn die Bildungsglobalisierung erhöht die weltweite Problemlösungskompetenz. Gleichzeitig stellt sie die OECD-Länder und damit auch Deutschland vor eine enorme Herausforderung: Künftig werden in den heutigen Schwellenländern Millionen zusätzliche, auf Weltstandard ausgebildete, hochmotivierte Fachkräfte auch diejenigen wissensbasierten Tätigkeiten erledigen wollen, die heute noch „Made in Germany“ sind. Auf der Verliererseite Während anderswo auf der Welt die Zahl der hervorragend ausgebildeten Schul- und Studienabgänger stark wächst, sehen wir hierzulande einen gegenläufigen Trend. Wir kämpfen gegen einen akuten und sich verschärfenden Mangel an Lehrern, qualifizierten Absolventen und Fachkräften an – insbesondere im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich. Wenn die Dinge sich weiter entwickeln wie bisher, klappt die globale „Bildungsschere“ in den nächsten Jahren noch weiter auseinander – zu unseren Ungunsten. Wir haben es allerdings selbst in der Hand, diesen Trend umzukehren und die Schere zu schließen. Dafür müssen wir mit internetbasierten Lernsystemen unseren Lehrern mehr Freiräume für die Binnendifferenzierung verschaffen und den Schülern ein eigenständigeres Lernen im jeweils individuellen Tempo ermöglichen. Wenn wir dies schnell und in der Breite angehen, können wir mehrere Ziele auf einmal erreichen. Unsere Kinder haben erstens bessere Chancen im globalen Bildungswettlauf, wenn sie ihr Schulwissen verbessern. Zweitens lindern wir innerhalb weniger Jahre schon heute akute Probleme wie Lehrermangel und den daraus resultierenden Bildungsrückstand. Als Volkswirtschaft können wir so langfristig unser eigenes Arbeitskräftepotenzial voll entwickeln und unsere Innovationsfähigkeit stärken. Und drittens sichern wir uns einen der vorderen Startplätze in einem globalen Boom-Markt. Freiräume für Lehrer In Deutschland wie in anderen Ländern entstehen derzeit Online-Lernsysteme, die an den offiziellen Lehrplänen ausgerichtet sind und ergänzend zum Schulunterricht eingesetzt werden können. Sie bieten Möglichkeiten, das Lernen in der Schule und das Lernen am Nachmittag miteinander zu verzahnen. Lehrkräfte können Hausaufgaben direkt über den Computer stellen. Am PC erhalten sie jederzeit einen Überblick über das individuelle Kompetenzniveau der Schüler und können die Schüler entsprechend individuell fördern. Diese neuen Möglichkeiten erhöhen die Effektivität des Unterrichts und schaffen den Lehrern Freiräume, um besser auf die Bedürfnisse einzelner Schüler einzugehen. Leistungsschwächere lassen sich gezielt auffangen, Leistungsstarke können aktiv gefördert werden. Die Schüler können die Lernsysteme über den Unterricht hinaus als Online-Coach nutzen und selbstständig damit arbeiten. Online-Lernsysteme entlasten die Lehrkräfte und ermöglichen ein effektiveres, gezielteres Unterrichten. Wenn wir es schaffen, solche Systeme schnell in die Strukturen des Bildungssystems und vor allem in den Schul- und Lernalltag zu integrieren, werden sie einen wichtigen Beitrag dazu leisten, das Leistungsniveau innerhalb weniger Jahre in der Breite zu heben – zu sehr geringen Kosten. Natürlich gibt es andere sinnvolle Ansätze, um das Leistungsniveau zu heben, wie beispielsweise die Ausweitung des Nachmittagsunterrichts oder verstärkte Investitionen in die frühkindliche Bildung. Diese haben im Vergleich zu Online-Lernsystemen allerdings zwei entscheidende Nachteile. Sie sind erstens sehr teuer: Die Beratungsgesellschaft McKinsey stellte 2005 fest, dass wir für frühkindliche Bildung zusätzlich rund 6,5 Mrd. € pro Jahr investieren müssten. Zweitens dauert es sehr lang, bis sich ihre Wirkung im gesellschaftlichen Bildungsniveau niederschlägt. Mit der Entwicklung von internetbasierten Lernsystemen haben wir die Chance, im Bildungswettlauf wieder aufzuholen. Die beiden Voraussetzungen dafür sind unternehmerische Initiativen zur Erstellung dieser „Lernmittel der nächsten Generation“ und ein Klima für Innovationen im Bildungssystem. Und dann werden wir (wie bei der Umwelttechnologie) erleben, dass der frühzeitige Einstieg in Zukunftstechnologien nicht nur unsere eigenen Probleme löst, sondern auch noch Chancen im Weltmarkt eröffnet. Arndt Kwiatkowski ist Gründer und langjähriger Geschäftsführer von Immobilienscout24. Er arbeitet derzeit an dem Projekt www.bettermarks.de, einem Online-Lernsystem für Schulmathematik. Quelle: www.ftd.de Original Artikel als PDF