Computergestützte Lernsysteme – Interview Prof.Dr.Dr. Manfred Spitzer

Prof.Dr.Dr. Manfred Spitzer ist Leiter des Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL) in Ulm, ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm  und hat den Lehrstuhl für Psychiatrie der Universität Ulm inne. Bettermarks sprach mit ihm über das schulische Lernen und computergestützte Lernsysteme. Prof.Dr.Dr. Manfred Spitzer, Gehirnforschung für die Schule – wie soll das gehen? Mehr als 30.500 Neurowissenschaftler trafen sich gerade wieder beim jährlichen Treffen der Society of Neuroscience, das dieses Jahr in Chicago stattfand. Man muss sich klar­machen, dass dieses Treffen das weltweit größte wissenschaftliche Treffen überhaupt ist und dass Neurowissenschaftler vor allem ein Thema bearbeiten: Lernen. Ich bin nun der Überzeugung, dass die hier gewonnenen Erkenntnisse unbedingt Anwendung fin­den sollten, und zwar da, wo gelernt wird, also in Kindergarten, Schule, Ausbildung und Universität. Und genau da setzt meine Tätigkeit ein. Kritiker sagen, dass die Gehirnforschung dem Lehrer nichts zu sagen habe. Unsinn! Es gibt bereits jetzt eine große Zahl von Erkenntnissen, die unmittelbar praxis­relevant sind. Erstens: Viele kurze Lernepisoden sind besser als eine lange. Zweitens: Positive Emotionen beschleunigen Lernprozesse stark. Drittens: Persönliche Neugier lässt das Gelernte besser behalten. Ihr Ausmaß ist direkt korreliert mit dem Lernerfolg. Viertens: Angst beim Lernen, wie sie im Fach Mathematik häufig der Fall ist, führt zum Abspeichern der gelernten Inhalte in Strukturen des Gehirns, die beim Abruf erneut für Angst sorgen. Da aber Angst die Kreativität hemmt, ist sie ein sehr schlechter Lehr­meister, denn wir wollen die nächste Generation doch genau für das Problemlösen fit machen. Aber wirkliche Bestrafung gibt es doch an Schulen nicht mehr. Aber jede Menge Angst, Ironie, Sarkasmus und Zynismus! Warum träumen denn so viele Menschen bis an ihr Lebensende vom Mathematik-Abitur? Und warum gibt es viele sehr begabte Menschen, die beim Anblick einer Formel in eine Art intellektuelle Toten­starre verfallen? Weil – und dies ist wissenschaftlich recht gut untersucht – gerade in Mathematik noch sehr viel Angst im Unterricht herrscht. Was sollte man tun? Wie schon gesagt: Lernen ist ein aktiver, individueller Prozess, der durch Angst nur behindert wird. Mit anderen Worten: Jeder lernt anders. Diese Tatsache ignoriert der deutsche Schulalltag nicht selten. Dabei sollte es das Ziel sein, jeden einzelnen Schüler optimal zu fördern. Mit Blick auf die durchschnittlichen Klassengrößen ist es natürlich eine große Herausforderung für Lehrer, die individuelle Bedürfnislage jedes Schülers zu berücksichtigen. Ich bewerte es deshalb umso positiver, dass sich viele Schulen und Schulverwaltungen bereits seit Jahren intensive Gedanken dazu machen, wie sie den Schulunterricht individueller gestalten können. Warum ist es so schwierig, das schulische Lernen stärker auf den einzelnen Schüler auszurichten? Weil die Schüler oft sehr unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen. An deutschen Schulen ist die häufigste Methode der Stoffvermittlung der Lehrervortrag. Ein einziger Lehrer kann jedoch unmöglich vor einer Klasse mit 30 Schülern 30 verschiedene Vor­träge halten. Es ist bisher nicht einmal umsetzbar, dass ein Lehrer für jedes Kind ein individuell angepasstes Arbeitsblatt entwickelt, korrigiert und bespricht. Gerade in der Mathematik jedoch wäre das sehr sinnvoll. Noch besser wäre es, wenn die Schüler selbst ihre Arbeitsblätter zusammenstellen würden. Denn wir wissen, dass selbstge­steuertes Lernen am besten funktioniert. Wie könnte diese individuelle Förderung von Kindern und Jugendlichen in der Schulpraxis realisiert werden? Ich glaube, dass wir hierzu neue Möglichkeiten des Lernens ausloten müssen. Zugleich bin ich der festen Überzeugung, dass wir hiermit bislang noch nicht wirklich begonnen haben. Es gibt zwar jede Menge „Lernsoftware“, aber wenig, das diesen Namen auch wirklich verdient. Dabei könnten der Computer und die richtige Software durchaus zu einer Individualisierung des Unterrichts beitragen. Sie befürworten also den Einsatz von computergestützten Lernsystemen im Schulunterricht? Wenn Kinder und Jugendliche ihren Nachmittag mit PC-Spielen verbringen, finde ich das sehr bedenklich. Sie lernen da im günstigsten Fall Unnützes, im schlimmsten Fall für die Gesellschaft und für sich Gefährliches. Denn sie lernen, weil das Gehirn immer lernt, wenn es gebraucht wird. Ich plädiere deshalb dafür, Computeranwendungen für Kinder differenziert zu betrachten. Es kommt immer darauf an, was ein Kind mit dem Computer macht. Ich kenne keine Eltern und keine Lehrer, die es schlecht finden, wenn ihr Kind oder Schüler mit dem PC besonders effektiv für den Schulunterricht lernt. Computergestützte Lernsysteme enthalten damit ein bislang kaum ausgeschöpftes Potenzial für Schüler als auch für Lehrer. Wie genau können computergestützte Lernsysteme einen Beitrag für die Individualisierung des Schulunterrichts leisten? Wenn es gelingt, Lernsysteme mit engagierten, gut ausgebildeten Lehrern in den Klassen zu verknüpfen, werden Schulen zukünftig ihren Unterricht deutlich stärker auf die individuellen Bedürfnisse der Schüler ausrichten können. Denn ein gut program­miertes System kann das leisten, was ein einzelner Lehrer im Schulalltag nicht leisten kann: Es kann sich auf Unterschiede in Vorwissen und Lerngeschwindigkeit einstellen und es kann direkt Rückmeldung an die Lehrkraft geben, wo die Defizite oder Stärken jedes Schülers liegen und entsprechende Aufgaben generieren. Ein wirklich gutes Lern­system erleichtert Lehrern somit die Unterrichtsgestaltung und die gezielte Schülerför­derung. An dieser Stelle gilt es, ganz klar zu betonen: Kein Lehr- und Lernmittel ersetzt einen guten Lehrer. Innovative Lernsysteme können im besten Fall immer nur eine effektive Unterstützung sein. Welchen Beitrag genau leisten denn die neuen computergestützten Lernsysteme? Wie effizient sind sie? Wir testen derzeit das Lernsystem bettermarks sehr intensiv. Die geschlossene Test­phase mit mehr als 1.600 Schülern an 34 Schulen läuft noch bis Ende 2009. Im Rahmen dieser Testphase führt das Ulmer Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen eine Studie durch, in der die Wirksamkeit und die Akzeptanz von bettermarks untersucht werden. Kritische Evaluation ist maßgeblich für die Entwicklung eines Systems wie bettermarks. Nur Lernsysteme, die auch wirklich funktionieren, sollten flächendeckend eingeführt werden. Wenn umgekehrt erst einmal klar ist, wie gut man ein Fach, mit dem sich bekanntermaßen sehr viele Schüler herumquälen, unter Einsatz des richtigen Lern­systems bewältigen kann, sollte die Anwendung in großem Stil erfolgen. Denn gemäß dem Evidence-based-Education-Ansatz vertrete ich die Auffassung, dass beim Lernen und Lehren Methoden angewendet werden sollten, deren Wirkung mit wissenschaft­lichen Verfahren tatsächlich bewiesen wurde. Wie schätzen Sie die Erfolgschancen von bettermarks ein? Unseren Ergebnissen kann ich nicht vorgreifen. Aber ich kann schon jetzt sagen, dass ich selten ein derart aufwendiges Projekt begleitet habe. Hier sind Leute am Werk, die sich des Ausmaßes des Problems bewusst sind und die nicht mal eben ein bisschen „Edutainment“ programmieren, um Kindern diese oder jene Erkenntnis gleichsam „unter­zujubeln“. So etwas merken Kinder und Jugendliche, und sie mögen es nicht. Bettermarks kommt ohne Unterhaltung aus. Das System will gar nicht unterhalten, sondern beim Lernen helfen – ganz schlicht und ganz einfach. Und ich glaube, dass dies geht. Und was meinen die Lehrer? Wir haben noch keine Daten, aber eines kann ich als Universitätslehrer bereits jetzt sagen: Gerade die Möglichkeiten des Lehrers, viele Tätigkeiten durch den Computer erledigen zu lassen, um so sein eigentliches Geschäft, die individuelle Betreuung des Schülers, besser zu erledigen, sind aus meiner Sicht bei bettermarks besser als bei jedem computergestütztem Lernangebot, das ich bislang gesehen habe. Denn es wird von Anfang an mit Blick auf Schüler und Lehrer konzipiert. Prof.Dr.Dr. Manfred Spitzer, wir bedanken uns für das Gespräch!